Kluge Köpfe denken voraus

Private Universität im Fürstentum Liechtenstein

Medieninformation                                                                          27. September 2018

 

Weiterentwicklung des liechtensteinischen Gesundheitswesens

20 Reformvorschläge eingereicht

 

Ein Jahr nach dem Start des Impulsseminars „Weiterentwicklung des liechtensteinischen Gesundheitswesens“ wurde nun ein 40seitiger Abschlussbericht mit konkreten Reformvorschlägen an die Regierung übergeben. An insgesamt 12 Anlässen kamen die meisten Berufsgruppen und viele Leistungsanbieter des liechtensteinischen Gesundheitswesens sowie Patientenvertretungen und Krankenversicherer zu Wort, zeigten Entwicklungen auf und formulierten gemeinsam Erwartungen hinsichtlich allfälliger Reformen.

Initiantin des Programms war die Regierung, welche die UFL beauftragt hat, hierzu ein fundiertes Konzept zu entwickeln. Die UFL ist seit über 10 Jahren als wissenschaftliche Institution im Gesundheitssektor etabliert und versteht sich als Think Tank. Sie bietet die wissenschaftliche und politisch neutrale Plattform für den interdisziplinären Austausch unter den Berufsgruppen. Ziel der Seminarreihe war es, gemeinsam mit den verschiedenen Gesundheitsberufen und Leistungserbringern des liechtensteinischen Gesundheitswesens Vorschläge für künftige Reformen des Gesundheitssystems zuhanden der Regierung zu erarbeiten. Unter der Projektleitung von Univ.-Prof. Dr. Bernhard Güntert wurden die Diskussionen moderiert, die Diskussionsbeiträge dokumentiert und der Abschlussbericht zur Vernehmlassung gereicht. Neben den einzelnen Berufsgruppen konnte sich auch die liechtensteinische Bevölkerung an der Diskussion beteiligen. Die Veranstaltungen wurden jeweils von 30 bis 80 Personen besucht, wobei die meisten Teilnehmenden mit den Gesundheitsberufen verbunden respektive im Gesundheitswesen beschäftigt sind. Die Vernehmlassungen sind in den Bericht eingeflossen bzw. im Original dem Bericht beigefügt worden. Der 40seitige Bericht mit seinem etwa 60seitigem Anhang kann auf der Webseite der UFL (www.ufl.li) abgerufen werden.

20 Reformvorschläge in 6 Clustern
Das Seminar fiel in eine Zeit heftiger, medial ausgetragener Diskussionen und Kontroversen, aber auch Stillstände und Gesprächsverweigerungen. Aus Sicht der Seminarleitung zeigte das Seminar, dass einerseits Reformen notwendig sind, um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung Liechtensteins auch in Zukunft im gewohnten Masse sicherstellen zu können. Andererseits zeigte es das intensive Engagement, das grosse Interesse der Akteure, die Bereitschaft zu Reformen und vor allem zum gemeinsamen Dialog und den Willen zur gemeinsamen Lösungsfindung. Diesen Schwung gelte es für zeitnahe Umsetzungen der Reformen zu nutzen. Im Anschluss an die Seminarreihe mit öffentlichen Vorträgen fanden zwei Workshops mit je zwei Vertreterinnen und Vertretern der Berufsgruppen statt. Dabei wurden sämtliche an den Seminarabenden formulierten Vorschläge und Erwartungen aufgelistet, vervollständigt, diskutiert und mittels moderierter Prozesse gebündelt, priorisiert und inhaltlich geschärft. Der vorliegende Bericht stellt die wichtigsten zwanzig Reformvorschläge in sechs thematischen Clustern vor. Dazu gehören Demografie & Alter, Kooperation & Vernetzung, Deregulierung, Gesundheitsförderung & Prävention, nachhaltige Finanzierung und der Gesundheitsstandort Liechtenstein. Die Reformvorschläge lassen sich teils leicht umsetzen, andere müssen im Verbund mit anderen Vorschlägen umgesetzt werden, erfordern einen grösseren Ressourceneinsatz oder verlangen längerfristige politische Entscheidungsprozesse und Gesetzesänderungen.

Demografischer Wandel als grosse Herausforderung
Im Cluster „Demografischer Wandel“ werden drei konkrete Reformvorschläge unterbreitet. Dazu gehört der Aufbau eines Kompetenzzentrums für das Alter. Im Rahmen dieses Zentrums soll Expertenwissen aus Medizin, Pflege, Pharmazie, Therapie und Sozialarbeit aber auch zu zielgruppenspezifischer Prävention und Gesundheitsförderung im Alter verfügbar gemacht werden. Eine wichtige Aufgabe des Zentrums ist es zudem, gezielte Schulungs- und Beratungsangebote für betreuende Angehörige und Freiwillige bereitzustellen, bei denen auch die technologischen Entwicklungen wie Robotik oder künstliche Intelligenz bearbeitet werden. Darüber hinaus sollte das Zentrum die Situation im informellen und formellen Versorgungssystem dokumentieren, um aus dem resultierenden Überblick entsprechende Planungen initiieren zu können. Ein zweiter Vorschlag ist der Aufbau von altersgerechten Wohnstrukturen mit Serviceleistungen sowie Tagesstrukturen und Ferienbetten. Ziel ist es, auch die Strukturen im Grenzbereich der informellen und formellen Versorgungssysteme zu stärken. Die Schaffung ausreichender Ferienbetten in Pflegeeinrichtung stärkt zudem die Ressourcen der pflegenden Angehörigen. Und nicht zuletzt gehört die Förderung der wichtigen Freiwilligenarbeit zu den Reformvorschlägen im Bereich Demografie: So kann die Freiwilligenarbeit etwa bei Mahlzeiten- oder Besucherdiensten, aber auch bei hauswirtschaftlichen Tätigkeiten entlasten. Dies stärkt auch die sozialen Netze und die gesellschaftliche Solidarität.  

Vernetzung der Leistungserbringer
Im zweiten Cluster „Vernetzung & Kooperation“ haben die Seminarteilnehmenden vier Reformvorschläge erarbeiten können. So soll die Digitalisierung im Gesundheitswesen konsequent gefördert werden. Elektronische Patientendossiers erleichtern die Zusammenarbeit der Leistungsanbieter, während die Digitalisierung des Gesundheitsversorgungssystems sowohl Administration und Koordination verbessert als auch die Informationsqualität der Krankgeschichte und die damit verbundenen Standards. Nicht zuletzt bringt die Digitalisierung auch mehr Sicherheit in der Medikamentenverschreibung mit sich. Ein zweiter Reformvorschlag ist die Schaffung eines Qualitätszirkels. Dieser interdisziplinäre „runde Tisch“ dient der Besprechung komplexer Behandlungs- und Betreuungssituationen und damit der Qualitätssicherung. Auch ermöglicht der Zirkel Lernprozesse zu Systemwissen und verbessert die Kommunikation. Ein Ergebnis des Qualitätszirkels könnte zudem zur Entwicklung eines integrierten Versorgungssystems sein. Voraussetzung für derartige Kooperationsmodelle wäre allerdings die Schaffung der gesetzlichen Grundlage. Die Einführung von sogenannten Disease Management-Programmen für häufige und komplexe Erkrankungen als weiterer Reformvorschlag verpflichtet die verschiedenen Leistungserbringer auf einen evidenzbasierten Behandlungspfad und fördert die Qualität der Betreuung. 

Besserer Zugang zu Gesundheitsleistungen durch Deregulierung
Im dritten Cluster zum Thema Deregulierung konnten gleich sechs Reformvorschläge erarbeitet werden. Angesichts des sich abzeichnenden Hausarztmangels und der Tatsache, dass mit der Übernahme des Tarmed die Arbeitsattraktivität für Ärzte zumindest gegenüber der Schweiz reduziert wurde, stellt sich die Frage, ob die Bedarfsplanung insbesondere für Hausärzte noch angemessen und sinnvoll ist. Es wurde von den Teilnehmenden vorgeschlagen, im Interesse der langfristigen Sicherstellung der ärztlichen Versorgung die Bedarfsplanung ganz oder doch teilweise (Hausärzte) abzuschaffen. Ein weiterer Reformvorschlag gilt der Psychiatrie im Land: Die Versorgung psychisch kranker Menschen erfolgt zurzeit oft unkoordiniert und intransparent mit verschiedenen Akteuren und unterschiedlichen Finanzierungsmodellen. Es wird daher vorgeschlagen, ein ganzheitliches Psychiatriekonzept für Liechtenstein in breiter Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure auszuarbeiten, welches auch die Behandlung von suchtkranken Menschen beinhalten soll.

Deregulierung schliesst auch ein, niederschwellige Zugänge zu Gesundheitsleistungen zu erleichtern. Die Verlagerung ärztlicher Tätigkeiten zur Pflege wird bereits in vielen Ländern getestet. Gemeinsames Merkmal ist, das ausgewählte ärztliche Tätigkeiten an gut ausbildete Pflegende übertragen werden. In Liechtenstein wurde etwa ein „One Point of Care“-Medell auf Gemeindeebene vorgeschlagen. Mit einem zweiten Reformvorschlag könnten die Hausärzte durch gut ausgebildete Medizinische Praxisassistentinnen von nicht-ärztlichen und Routineaufgaben entlastet werden. Allerdings müssen auch hier Qualitätssicherungs- und Finanzierungsfragen noch geklärt werden. Weiterhin zur Entlastung könnte der Reformvorschlag dienen, Apotheken zu Kompetenzzentren zu entwickeln und sie in der Grundversorgung neu zu positionieren. Die Diskussion rund um die Kompetenzbereiche im Grundversorgungsbereich führte zum Vorschlag, die Weiterführung ärztlich verschriebener Behandlungen durch nicht-ärztliche Berufsgruppen zu ermöglichen. Entsprechende Guidelines für die Übertragung von Kompetenzen zur Weiterführung von Therapien und Medikationen sollten gemeinsam durch Therapeuten-, bzw. Apothekerverbände mit Ärzten erarbeitet werden. Dieser Vorschlag darf jedoch nicht zu einer Verschlechterung der Behandlungsqualität führen.

Gesundheitsförderung Prävention
Unter Prävention werden alle Massnahmen verstanden, die dazu dienen, das Auftreten von Krankheiten oder gesundheitlichen Schädigungen zu verhindern oder zumindest zu verzögern. Im Seminar haben praktisch alle Berufsgruppen und Leistungsanbieter auf die grosse Bedeutung von Prävention und Gesundheitsförderung hingewiesen. Um dem Rechnung zu tragen, wurden in diesem Cluster zwei Reformvorschläge eingebracht: Die Schaffung einer zentralen Abteilung für Gesundheitsförderung und Prävention entweder zentral über staatliche Stellen organisiert oder alternativ in Form einer privaten Stiftung, die gemeinsam von Staat, Krankenversicherung, Gesundheitseinrichtungen sowie privaten Unternehmen getragen wird. Beide Institutionen hätten die Aufgabe, möglichst gezielt und effektiv Gesundheitsförderungsprogramme und Präventionskampagnen zu initiieren. Ein weiterer Vorschlag zielt direkt auf die Stärkung der Prävention und Gesundheitsförderung und diese als Teil der Grundversorgung zu integrieren. Dafür müsste ein konkreter Aktionsplan erstellt und genehmigt werden.

Nachhaltige Finanzierung
Naturgemäss gehört auch die Finanzierung des Gesundheitswesens zu den Reformthemen. Der Fokus der zwei hier gemachten Reformvorschläge liegt auf dem Ersten Gesundheitsmarkt und auf dem Kernbereich. Grundsätzlich geht es darum, die Wertschöpfung in diesem Bereich zu optimieren. So wird einerseits eine systematische Nutzendarstellung im Gesundheitswesen vorgeschlagen. Die Forschung hat hierfür entsprechende Indikatoren- und Messysteme entwickelt, deren Umsetzung bereits an verschiedenen Orten weltweit angelaufen ist. So könnte auch Liechtenstein als Partner von ICHOM oder als Modellregion der OECD für das Projekt Patient Reporte Indicator System (PaRIS) einen wichtigen Beitrag zur Förderung der Nutzenbetrachtung im Gesundheitswesen leisten.

Da die Verteilung finanzieller Mittel gerade bei älteren Menschen sehr ungleich ist, können die durch die Pflege und Betreuung entstehenden Kosten verschiedene Gruppen empfindlich belasten. Um die soziale Gerechtigkeit auch bei diesen Gruppen sicherzustellen, wurde in einer weiteren Reformidee vorgeschlagen, dass das Ministerium eine neue Finanzierungsregel für Pflege und Betreuung ausarbeitet und zur Diskussion stellt.

Gesundheitsstandort Liechtenstein
Die letzten vier Reformvorschläge der wichtigsten zwanzig gelten dem Gesundheitsstandort Liechtenstein. Dabei geht es vor allem um die Attraktivität des Gesundheitssystems als Arbeitsplatz für Health Professionals, die für die Personalrekrutierung und Berufsverweildauer von grosser Bedeutung sind. In den letzten Jahren haben verschiedene Entwicklungen in Liechtenstein die Arbeitsplatzattraktivität der Gesundheitsdienstleister eher vermindert. Die Schaffung einer zentralen Informationsplattform Gesundheit ist daher ein wichtiger Reformvorschlag. Es wurde vorgeschlagen, eine zentrale internetbasierte Informationsplattform über möglichst alle Gesundheitsdienstleister in Liechtenstein aufzubauen und zu unterhalten. Mit dieser Systemtransparenz sollen Wahlentscheidungen erleichtert und die Qualität der Versorgung verbessert werden. Auch macht es gemäss den Seminarteilnehmenden Sinn, mit der Bildung von multidisziplinären Versorgungszentren auch die räumliche Bündelung von Leistungsanbietern als zusätzlichen Service anzubieten. Damit werden die Wege verkürzt, die Koordination der Behandlungsketten gefördert, die Kooperationen der Leistungserbringer erleichtert und die Qualität verbessert. Als Beispiele wurden unter anderem ein Mutter-Kind-Zentrum oder ein sozialpsychiatrisches Kompetenzzentrum aufgeführt. Empfohlen wird auch die Wiedereinberufung der Landesgesundheitskomission bzw. die Schaffung eines neuen runden Tisches zwischen Regierung, Krankenversicherern und Leistungserbringern sowie Patientenvertretung oder in diesem Sinne die Schaffung eines neuen Kommunikationsgefässes. Und last but not least bleibt das Thema grenzüberschreitende Versorgung aktuell. Einige Berufsgruppen schlugen konkret vor, die Verhandlungen mit der Schweiz wieder aufzunehmen und den freien Grenzverkehr wieder sicherzustellen. Insbesondere die Ärztekammer weist jedoch darauf hin, dass die Benachteiligung der liechtensteinischen Leistungserbringer ohne OKP-Vertrag bei einer Neuverhandlung aufgehoben werden müsste.

Weitere Informationen
Prof. Dr. Bernhard Güntert, Projektleitung, bernhard.guentert@ufl.li

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